Siddhartha — Hermann Hesse

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Sterbenwollen, ein leidenschaftlich schmerzliches Bekenntnis der Vergänglichkeit, und keine starb doch, jede verwandelte sich nur, wurde stets neu geboren, bekam stets ein neues Gesicht, ohne daß doch zwischen einem und dem anderen Gesicht Zeit gelegen wäre — und alle diese Gestalten und Gesichter ruhten, flössen, erzeugten sich, schwammen dahin und strömten ineinander, und über alle war beständig etwas Dünnes, Wesenloses, dennoch Seiendes, wie ein dünnes Glas oder Eis gezogen, wie eine durchsichtige Haut, eine Schale oder Form oder Maske von Wasser, und diese Maske lächelte, und diese Maske war Siddharthas lächelndes Gesicht, das er, Govinda, in eben diesem selben Augenblick mit den Lippen berührte. Und, so sah Govinda, dies Lächeln der Maske, dies Lächeln der Einheit über den strömenden Gestaltungen, dies Lächeln der Gleichzeitigkeit über den tausend Geburten und Toten, dies Lächeln Siddharthas war genau dasselbe, war genau das gleiche, stille, feine, undurchdringliche, vielleicht gütige, vielleicht spöttische, weise, tausendfältige Lächeln Gotamas, des Buddha, wie er selbst es hundertmal mit Ehrfurcht gesehen hatte. So, das wußte Govinda, lächelten die Vollendeten. Nicht mehr wissend, ob es Zeit gebe, ob diese Schauung eine Sekunde oder hundert Jahre gewährt habe, nicht mehr wissend, ob es einen Siddhartha, ob es einen Gotama, ob es Ich und Du gebe, im Innersten wie von einem göttlichen Pfeile verwundet, dessen Verwundung süß schmeckt, im Innersten verzaubert und aufgelöst, stand Govinda noch eine kleine Weile, über Siddharthas stilles Gesicht gebeugt, das er soeben geküßt hatte, das soeben Schauplatz aller Gestaltungen, alles Werdens, alles Seins 146

gewesen war. Das Antlitz war unverändert, nachdem unter seiner Oberfläche die Tiefe der Tausendfältigkeit sich wieder geschlossen hatte, er lächelte still, lächelte leise und sanft, vielleicht sehr gütig, vielleicht sehr spöttisch, genau, wie er gelächelt hatte, der Erhabene. Tief verneigte sich Govinda, Tränen liefen, von welchen er nichts wußte, über sein altes Gesicht, wie ein Feuer brannte das Gefühl der innigsten Liebe, der demütigsten Verehrung in seinem Herzen. Tief verneigte er sich, bis zur Erde, vor dem regungslos Sitzenden, dessen Lächeln ihn an alles erinnerte, was er in seinem Leben jemals geliebt hatte, was jemals in seinem Leben ihm wert und heilig gewesen war.

Neuerscheinung 1922

KNULP Drei Geschichten aus dem Leben Knulps Illustriert von Karl Walser Numerierte und signierte Ausgabe

WERKE VON HERMANN HESSE

Peter Camenzind Roman. 106. Auflage Unterm Rad Roman. 118. Auflage Diesseits Erzählungen. 28. Auflage Nachbarn Erzählungen. 16. Auflage Umwege Erzählungen. 18. Auflage Aus Indien Aufzeichnungen von einer indischen Reise. 9. Auflage Knulp Drei Geschichten aus dem Leben Knulps. 103. Auflage Roßhalde Roman. 47. Auflage In der alten Sonne Erzählung. Illustriert von Wilhelm Schulz. 23. Auflage Schön ist die Jugend 78. Auflage Demian Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend. 56. Auflage Märchen 24. Auflage Zarathustras Wiederkehr Ein Wort an die deutsche Jugend. 18. Auflage Klingsors letzter Sommer Novellen. 16. Auflage Wanderung Aufzeichnungen. Mit farbigen Bildern vom Verfasser. 10. Auflage Ausgewählte Gedichte 5. Auflage

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Siddhartha

Hermann Hesse

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SIDDH ARTH A

Eine indische Dichtung von

Hermann Hesse

/ 1922

S. Fischer/Verlag/Berlin

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INDIAN.

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LKÜITY

LIBRARX

Erste bis sechste Auflage Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, Vorbehalten Copyright 1922 by S. Fischer, Verlag, Berlin

ERSTER TEIL

Romain Rolland dem verehrten Freunde gewidmet

DER SOHN DES BRAHMANEN

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